ZEITDIEBE-MAGAZIN

ungeheuerliche begebenheiten
Subscribe

Artikel der Kategorie ‘Prosaisches’

Die Wäschegeherin

Mai 15, 2012 Von: berndjoel Kategorie: Prosaisches Kommentieren

Gauguin, Suite Volpini

Gauguin, Suite Volpini

Meinen Kopf noch betäubt von der Behandlung beim HNO-Arzt fuhr ich mit dem Fahrstuhl in den Keller, um meine Wäsche aus der Waschmaschine, die allen Bewohnern des Hauses zur Verfügung steht, wieder heraus zu holen und aufzuhängen. Ich sah schemenhaft eine kleine, brünette Frau mit wildem Haarschopf am großen Bullauge der Maschine beschäftigt, und meine Wäsche bereits links von ihr in einer Ikea-Tüte, die nicht mir gehörte. „Ich habe Ihre Wäsche bereits herausgeholt, das Programm war aber schon durchgelaufen“, sagte sie, halb entschuldigend, dass sie sich an meine Socken und Unterhosen heran gewagt hatte, „Sie haben sich wohl im Tag vertan“. Sie hätte sich für 13 Uhr eingetragen, ich mich aber erst morgen. Sie wäre in Eile, da sie gleich noch weg müsste. „Aber man kann auch schon schnell in der Tageszeile verrutschen“, fügte sie hinzu. Als ich schnell meine Wäsche von ihrer in meine Ikea-Tüte stülpte, sagte sie sanft, das hätte doch Zeit. Als ich aus meinem gordischen Wäscheknoten einzelne, zusammen gehörige Stücke zerrte, kräftig ausschlug und sie dann über die Leinen warf, beobachtete sie mich von der Seite. Wenn sie mir einen Rat geben dürfte: „Lassen Sie einfach Ihre Wäsche nicht so stark schleudern, dann ist sie auch nicht so zerknittert“. Sie lächelte mich an. (mehr …)

Egon findet einen wahren Freund

Mai 10, 2012 Von: regalon Kategorie: Prosaisches Kommentieren

Seit einigen Wochen reißt Egon nicht mehr ein enervierendes Klingeln aus dem Schlaf – er muss nicht mehr pünktlich zur Arbeit erscheinen. Egon beginnt den Tag jetzt mit dem Gang zur Toilette, seine Blase hat die Rolle des Weckers übernommen. Danach rasch zum Waschbecken, dem Fremden gilt die übliche Prozedere. Heute Morgen blickt ihm auf der Stirn etwas Neufremdes entgegen. Sich dem Spiegel auf Beziehungsreichweite nähernd, erkennt er verwundert eine kleine Erhebung seltsamer Färbung. Egon berührt das Objekt – es fühlt sich nicht gänzlich unangenehm an und er belässt es mit dieser Begegnung im Glauben, morgen sei wieder alles wie gewohnt.  (mehr …)

Anta angelt

Mai 08, 2012 Von: muntifi Kategorie: Prosaisches Kommentieren

Tree_Planted_by_Streams

Tree Planted by Streams, Wing-Chi Poon

Anta angelt. Anta sitzt am Ufer und angelt sich einen Mann.

Hilflos hängt Anta an der Angelrute und starrt bewegungslos auf den Blinker, ein metallisch, oval-löffelförmiger Kunstköder, der kranke, orientierungslose Fische im Wasser simuliert, um mit torkelnden, abtauchenden Bewegungen einen Mann zum Anbiss zu animieren. Anta ist sich nicht bewusst, dass sie nur mit der Simulierung von Schwäche an einen tollen Hecht kommt. Sie fühlt sich aber auch nicht wie eine Heldin.“Da hast Du Dir aber einen geangelt!“ oder „Wenn hast Du denn da an der Angel?“  wird man sie am Abend zuhause begrüßen, wenn sie nicht alleine zurückkommt.

Eigentlich will Anta nur den Einen angeln. Aber sie kennt weder ihn noch den Köder, auf den er anspringen könnte. So angelt Anta, die Anglerin, ins Ungewisse und schaut ratlos auf die Wasseroberfläche.

Schokomann

Februar 12, 2012 Von: CharlotteBuff Kategorie: Prosaisches Kommentieren

Da stehst du nun: Schüchtern und trotzdem irgendwie dreist – in einer schummrigen Ecke, – schielst zu mir herüber und schämst dich ein wenig deiner mangelnden Perfektion. Das musst du nicht. Denn du bist schön. Was tust du mit mir? Was tust du mir an? Will ich? Ziemlich eindeutig wirkst du, wie du mich frech taxierst, mit deinen schwarzen Augen, die äußere Hülle etwas fehlerhaft, und nicht mehr in die Zeit passend, bietest du mir trotzdem, oder vielleicht sogar gerade deshalb, ein unwiderstehliches Bild männlicher Ausstrahlung. Ich weiß, was du willst, – was ich will…

chocoman (orig. Jorge Barrios)

Meine Hände berühren dich mehr als zärtlich, während du wie Wachs in denselben weiche Knie bekommst, die Kleider fallen, …ich zerre an deinem silbernen Gürtel, weder verhehle ich die Leidenschaft, die du und dein süßer Körper in mir weckt, noch ignoriere ich das lodernde Feuer, welches der Geschmack deiner Lendengegend in mir auslöst. Schamlos, haltlos, zügellos vereint sich meine Zunge mit deiner wunderbaren Haut, lecke, sauge und traktiere ich deine Brust mit meinen Liebesbissen, bis ich, berauscht von deinem feucht-warmen Duft, vollends die Kontrolle über meine Sinne verliere. Wir beide wissen, dieses Erlebnis wird nicht mehr wiederholbar sein. Wir werden uns nie mehr wieder sehen und gerade deshalb, fallen nunmehr auch die letzten Schranken kontrollierten Denkens. Ich begehre dich, will dich mehr, als je einen Anderen deiner Sorte bevor. Ich verschlinge dich ohne Reue, Rücksicht und Bedauern. Denn nächstes Jahr gibt es mit Sicherheit wieder einen längst vergessenen Weihnachtsmann in meiner Speisekammer.

Tahir-Moment

Februar 11, 2012 Von: berndjoel Kategorie: Prosaisches Kommentieren

Old landing stageWir flüchteten vom Public Viewing des Strandcafes an das Ufer. Eine dichte Hecke versperrte uns den Weg, wir fanden eine eiserne Pforte, ihr Schloss öffnete sich. Wir liefen die maroden Holzbohlen hinunter, besetzten den Bootsteg, ein Tahir-Moment nur für uns beide. Uns geneigt hielt ein alter Pfahl unsere Gläser, unsere Füße baumelten über den Fluss. Lang streckten sich die Frachtboote auf ihren Spiegel im Wasser. Wolken krönten die Parkbäume am anderen Ufer. Und ich wollte deine Hand greifen, mit dir über den Fluss springen, gemeinsam erst die Bäume, dann die Ewigkeit erklettern – und ich vergaß darüber, dass es dazu nicht mehr bedurfte.

Aufruf zur Brandstiftung

Januar 14, 2012 Von: berndjoel Kategorie: Prosaisches Kommentieren

Widersprecht, tobt, legt euer Veto ein, wenn all die Seelen, auf Erden zum Urlaub aus der Ewigkeit geschickt – Zündhölzchen, fähig unser Heißsein hell aufscheinen lassen, einen schamroten Kopf haben, weil sie es nicht wagen, ihre sichere, aber enge Schachtel aufzuschieben, um sich an der rauen Lust des Lebens zu reiben! Brennt nicht jede Seele, auf  mannigfaltige, wunderbare Weise, vor Neugier auf diesen verheißungsvollen Urlaub, auf Abenteuer, die uns lodernde Feuer, in Watte gebettet, verheißen – in der Gewissheit, dafür geschaffen zu sein? Und legen wir nicht eben genau deshalb selbst das Feuer, in der Hoffnung, es möge den ganzen Urlaub Leidenschaft entfachen. Brennen unsere Blicke etwa nicht aufs Heißeste, beim unerschöpflichen Anblick irdischer Geschöpfe? Nur aufstoßen muss man die Schachtel, schon entflammen glühenden Wünsche entflammen, die sich an uns selbst entzünden. Wer, wenn nicht wir, sind die Brandstifter dieser Welt? Die Furcht, dabei zu Asche zu verbrennen, verliert sich in geringste Nichtigkeit, denn das Holz, aus dem wir alle geschnitzt sind, bietet uns eine Urlaubsgarantie auf schamloses Funken unserer Begierde… eine lebenslange Zündschnur. Ob wir sie nun selbst in die Hand nehmen und unsere Hölzchen streichelnd reiben…und somit zum Leuchten zu bringen, oder wir die komplette Schachtel im Fegefeuer des Lebens verpuffen, ohne die Schönheit brennender Erregung erlebt zu haben, – an wem möge es denn liegen, wenn nicht an uns? (mehr …)