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ungeheuerliche begebenheiten
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Artikel der Kategorie Januar, 2012

Von Bourdieu und Mikropsychia

Januar 26, 2012 Von: berndjoel Kategorie: Kommentare Kommentieren

Regeln und Normen können vielleicht in Frage gestellt, aber kaum auf bewusster Ebene umgewälzt werden. Dieser Reflexionsleistung sind entscheidende Grenzen gesetzt. Für das Individuum sind Regeln und Normen etwas Selbstverständliches, das zum eigenen Leben und zur Identität dazugehört. Man kann noch nicht einmal von Akzeptanz sprechen, weshalb ein Gegenargumentieren recht sinnlos ist, noch ein In-Sich-Gehen, da es kein Prozess der bewussten Willensentscheidung ist, nicht auf einer kognitiven Ebene erfolgt, sondern eher mit Glauben vergleichbar ist, als Verinnerlichung, als Mikropsychia. Zwar möge dem Menschen ab und zu Widersprüchliches auffallen, aber vom „Glauben“ abfallen wird er trotzdem so schnell nicht, gar ein „Bewusstsein seiner selbst“ entdecken, was verschüttet sicherlich noch existiert, und dann auch noch nach diesem handeln. Dies ist nur ein möglicher evolutionärer Entwicklungsprozess, der nur über mehrere Generationen erfolgreich sein kann. Hierzu ein Text über Pierre Bourdieu und seine Begriffe Klasse, sozialer Raum, Habitus und Feld, der diese Umstände etwas näher betrachtet:
http://www.sicetnon.org/content/perform/Schilcher_Bourdieu.pdf

Interessant in diesem Zusammenhang auch der Begriff Mikropsychia von Aristoteles: Das Große (System) hat sich im Kleinen (Individuum) verinnerlicht: “Wer von vorneherein wegen mangelhafter Selbstkenntnis auf Praxis verzichtet – modern gesprochen: sich ver – hält -, der wird auch dann nicht handeln, wenn er über die nötige Macht physischer, militärischer oder sonstiger Art verfügen kann.”
http://www.metanastis.com/Tyrannistheorie.htm

Aufruf zur Brandstiftung

Januar 14, 2012 Von: berndjoel Kategorie: Prosaisches Kommentieren

Widersprecht, tobt, legt euer Veto ein, wenn all die Seelen, auf Erden zum Urlaub aus der Ewigkeit geschickt – Zündhölzchen, fähig unser Heißsein hell aufscheinen lassen, einen schamroten Kopf haben, weil sie es nicht wagen, ihre sichere, aber enge Schachtel aufzuschieben, um sich an der rauen Lust des Lebens zu reiben! Brennt nicht jede Seele, auf  mannigfaltige, wunderbare Weise, vor Neugier auf diesen verheißungsvollen Urlaub, auf Abenteuer, die uns lodernde Feuer, in Watte gebettet, verheißen – in der Gewissheit, dafür geschaffen zu sein? Und legen wir nicht eben genau deshalb selbst das Feuer, in der Hoffnung, es möge den ganzen Urlaub Leidenschaft entfachen. Brennen unsere Blicke etwa nicht aufs Heißeste, beim unerschöpflichen Anblick irdischer Geschöpfe? Nur aufstoßen muss man die Schachtel, schon entflammen glühenden Wünsche entflammen, die sich an uns selbst entzünden. Wer, wenn nicht wir, sind die Brandstifter dieser Welt? Die Furcht, dabei zu Asche zu verbrennen, verliert sich in geringste Nichtigkeit, denn das Holz, aus dem wir alle geschnitzt sind, bietet uns eine Urlaubsgarantie auf schamloses Funken unserer Begierde… eine lebenslange Zündschnur. Ob wir sie nun selbst in die Hand nehmen und unsere Hölzchen streichelnd reiben…und somit zum Leuchten zu bringen, oder wir die komplette Schachtel im Fegefeuer des Lebens verpuffen, ohne die Schönheit brennender Erregung erlebt zu haben, – an wem möge es denn liegen, wenn nicht an uns? (mehr …)

Wohnungssuche

Januar 14, 2012 Von: berndjoel Kategorie: Prosaisches Kommentieren

Weiße Wolken versperren dem alten Mann blass das Himmelblau, der Westwind klirrt, nackt zittern die Winterbäume im Park. Bunte Plastikbeutel winken ihm hilflos zu, aufgespiest auf hageren Ästen. Ein leeres Geräusch seines dampfenden Wasserkochers, der die Zeit in Luftblasen tanzen lässt. Ungeschriebene Worte starren ihn auf seinem Schreibtisch an, Sätze zu schwer für leichtes Papier. Die Strasse wirft Motorengeräusche durch das Zimmer, nervöses Kirchenläuten begleitet sie. Seine Gedanken verrühren im brühenden Tee und hoheitliches Grau zieht belanglose Kreise auf Blättern, deren weiße Unschuld längst vergangen ist. –

Schattenwesen

“Der Vormieter hat eben nicht genug gelüftet”, sagt forsch die adrett gekleidete Maklerin, als ich mir die riesigen Schimmelflecken auf den nikotindurchtränkten Wänden betrachte. Er hatte einen Infarkt, blieb zwei Wochen auf dem schlierigen Parkettboden liegen, in gekrümmter Haltung eines Fötus, sein Schatten gravierte sich dunkel in die Holzmaserung. “Das Parkett muss halt geschliffen werden”, wendet die Maklerin ein, etwas nervös meinem Blick folgend, “Maschinen dafür kann man sich im Baumarkt ausleihen. Und die Aussicht auf den Park vom 8. Stock ist doch wirklich schön.” Ich betrachte neben ihr die Strichmännchen im Park, den der Frühling in einem frischen Grün taucht, kämpfe auf dem abschüssigen Balkon gegen meine Höhenangst. Und ich weiß, die Wohnung in meinem Rücken wird mich nicht gehen lassen. Ich werde ihr nächster Mieter sein.

(*) Inspiriert von Regalons “Wintertag”

Kommunikatives Verhalten mit hoher Ambiguitätstoleranz

Januar 08, 2012 Von: berndjoel Kategorie: Prosaisches Kommentieren

Ambiguitätstoleranz ist ein Persönlichkeitskonstrukt, um Widersprüchlichkeiten, Inkonsistenzen oder mehrdeutige Informationslagen in ihrer Vielschichtigkeit wahrzunehmen und positiv zu bewerten.

Hierzu eine Passage aus dem Epilog von “Krieg und Frieden”, Leo Tolstoi:

Tolstois "Die Kosaken"

“Als Natalie mit ihrem Mann allein geblieben war, unterhielten sie sich auch so, wie nur Mann und Frau sich unterreden können, das heißt, indem sie mit ungewöhnlicher Klarheit und Schnelligkeit einander verstanden und ihre Gedanken mitteilten auf einem allen Regeln der Logik widersprechen- den Wege, ohne Vermittlung der Überlegung und Schlußfolgerung, sondern auf ganz eigentümliche Weise. Natalie war sehr daran gewöhnt, auf diese Weise mit ihrem Manne sich zu unterhalten, daß ein logischer Gedankengang Peters ein untrügliches Anzeichen dafür war, daß zwischen ihr und ihrem Manne etwas nicht richtig war. Wenn er etwas behauptete, überzeugend und ruhig sprach, so wußte sie, daß dies unfehlbar zum Zank führte.”

Die gesamten 258 Kapitel der Geschichte auf gutenberg.spiegel.de

“BILD dir meine Meinung”

Januar 03, 2012 Von: berndjoel Kategorie: Empörte Bürger 2 Kommentare →

… diesem Tweet von DerPiecha ist kaum noch etwas hinzu zu fügen:

 

Es sei denn:

– 11.02.2012 Wulff den Schuh zeigen vorm Schloss Bellevue, von 14:00 bis 15:30. Facebook-Event

– Wulff den Schuh schicken: Facebook-Event
Postadresse: Bundespräsidialtamt, c/o Herrn Christian Wulff, Spreeweg 1, 10557 Berlin

– 11.01.2012 Harald Schmidt macht den wütenden Wulff: focus.de

Schuh zeigen

– der Twitter-Aufruf “Zeigt Wulff den Schuh!

– die Facebook-Gruppe “Wackel-Wulff is not my president!

hier kann man Wulff etwas in den Mund legen, z. B. “Und Tschüß”

– aktuelle Online-Umfrage zum Interview vom 04. Januar: tagesschau.de

– Online-Umfragen, ob Wulff zurück treten soll: tagesschau.de, spiegel.de, taz.de, web.de, arcor, maerkischeallgemeine. 60 bis 90% stimmen für Wulffs Rücktritt, siehe auch “electionsmeter“, Radio Erft und Radio FFH.

– oder gleich einen neuen Präsidenten vorschlagen, z. B. Georg Schramm, der auch hier die Topliste anführt und radioeins-Voting: “Wer soll BundespräsidentIn werden?”

– ob es jetzt noch Satire oder schon Realsatire ist, fragt man sich bei Titanic und Postillon, nochmals Postillon und bei der Fake-Facebook-Seite des Stern.

– Vorschlag der TAZ an Wulff: Falls noch mehr anbrennt, call Mr. Wolf (Filmcharakter aus Pulp Fiction)! Aber nicht auf AB sprechen…

– der Twitter-Hashtag #wulfffilme sammelt bereits Filmtitel, z. B. “Wenn der Präsident zweimal klingelt” (von SchallundRauch)

– nachgestellte AB-Aufnahme Wullfs von WDR5 Politikum

– Wortschöpfung(1): Jemanden empört auf dem AB sprechen: wullfen

– Wortschöpfung(2): Die Maßeinheit des Abstandes zwischen Fettnäpfchen: 1 Wullf

– diese Website stellt eine nicht unwichtige Frage: http://istchristianwulffnochimamt.de/

– dann gibt es natürlich noch die Facebook-Seite von Christian Wulff: “…und Tschüß.”

– ansonsten gilt: Jeder noch so kleiner Kommentar im Netz hilft!

Am 7. Februar findet die Schuh-Demo das nächste Schuh-Event vor dem Schloss Bellevue (Veranstalter: Creative Lobby of Future) statt. Ein Video über die Erste am 8. Januar:

(wird aktualisiert)

Neujahrsansprache Merkel und Heinrich Heine

Januar 01, 2012 Von: berndjoel Kategorie: Empörte Bürger Kommentieren

In ihrer Neujahrsansprache hatte es Frau Merkel – wenn auch ungewollt – auf den Punkt gebracht, indem sie Heinrich Heine zitierte: „Deutschland, das sind wir selber“.

Heinrich Heine

Heinrich Heine schrieb im Oktober 1833 in der Vorrede zum 1. Band des »Salon«:
“Das ist es. Deutschland, das sind wir selber. Und darum wurde ich plötzlich so matt und krank beim Anblick jener Auswandrer…
»Und warum habt ihr denn Deutschland verlassen?« fragte ich diese armen Leute. »Das Land ist gut, und wären gern dageblieben«, antworteten sie, »aber wir konnten’s nicht länger aushalten –«
[…] die Schlussrede ihrer Klage war immer: »Was sollten wir tun? Sollten wir eine Revolution anfangen?«
Ich schwöre es bei allen Göttern des Himmels und der Erde, der zehnte Teil von dem, was jene Leute in Deutschland erduldet haben, hätte in Frankreich 36  Revolutionen hervorgebracht und 36  Königen die Krone mitsamt dem Kopf gekostet.
[…] wenn den Franzosen die landesherrlichen Plackereien so ganz unerträglich werden oder auch nur etwas allzu stark beschwerlich fallen, dann kommt ihnen doch nie in den Sinn, die Flucht zu ergreifen, sondern sie geben vielmehr ihren Drängern den Laufpaß, sie werfen sie zum Lande hinaus und bleiben hübsch selber im Lande, mit einem Wort, sie fangen eine Revolution an.”

Weitere Artikel
zur Neujahrsansprache http://tapferimnirgendwo.wordpress.com
zum Thema http://www.stiftung-aufarbeitung.de